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Einzelhändler in Alarmbereitschaft, da WWF die Behauptung zur „Nachhaltigkeit“ von Krill anzweifelt

Mittwoch, 04 Mär, 2026

Das Label „nachhaltig“ für antarktischen Krill bröckelt – und es wird ausgerechnet von jenen infrage gestellt, die es einst geschaffen haben.

Derzeit ist Sea Shepherds Schiff Allankay im Südlichen Ozean unterwegs und verfolgt Krill-Supertroller, während diese ihre Netze durch die Nahrungsgebiete der Wale ziehen. Seit drei Jahren dokumentiert unsere Kampagne diese industrielle Ausbeutung der Antarktis und rückt sie ins globale Rampenlicht. Der Druck wirkt. Diese Woche hat WWF - der Gründungspartner des Marine Stewardship Council (MSC), der die Krillfischerei als „nachhaltig“ zertifiziert – offiziell Einspruch gegen diese Zertifizierung eingelegt und ein sofortiges Moratorium für die Krillfischerei gefordert. Das ist eine direkte Folge der wachsenden öffentlichen Aufmerksamkeit gegenüber einer Industrie, die viel zu lange unbeachtet agieren konnte.

Unter Verweis auf die zunehmende industrielle Fangintensität und die dramatischen klimabedingten Veränderungen im Ökosystem erklärte Rhona Kent, Leiterin des Polar Oceans Programme bei WWF-UK, unmissverständlich: „Antarktischer Krill ist das Kraftwerk des Südlichen Ozeans. Missmanagement in der Krillfischerei hat erhebliche negative Auswirkungen auf Arten, die von Krill abhängig sind, etwa Wale. Um diese außergewöhnliche Art und das gesamte Ökosystem zu schützen, fordert der WWF ein sofortiges Moratorium für die Krillfischerei sowie eine Überprüfung der vom MSC erteilten Nachhaltigkeitszertifizierung, bis von CCAMLR strengere vorsorgliche Fischereimanagement-Maßnahmen beschlossen werden.“

Die Antarctic and Southern Ocean Coalition (ASOC), ein globales Bündnis von Naturschutzorganisationen zum Schutz der antarktischen Ökosysteme, legte aus denselben Gründen ebenfalls Einspruch ein. „Unser Einspruch soll sicherstellen, dass die Umweltauswirkungen der Krillfischerei korrekt bewertet wurden“, sagte Claire Christian, Geschäftsführerin von ASOC. „Dieser Fall zeigt eine klare Diskrepanz zwischen der Zertifizierung und der aktuellen Realität der antarktischen Krillfischerei.“

Sea Shepherds Chief Campaigns Officer, Peter Hammarstedt, begrüßte die Entwicklung:

„Die Entscheidung des WWF, gegen die erneute MSC-Zertifizierung der antarktischen Krillfischerei als ‚nachhaltig‘ Einspruch einzulegen, ist ein bedeutender Schritt – insbesondere da der WWF zu den Gründungsorganisationen des MSC gehört. Der anschließende Aufruf zu einem sofortigen Moratorium sendet ein klares Signal an den Handel: Supertroller, die riesige Netze durch die Nahrungsgebiete von Walen ziehen und ihnen ihre Beute entziehen, können nicht glaubwürdig als nachhaltig bezeichnet werden. Kein Label kann darüber hinwegtäuschen, dass diese Produkte antarktische Wale gefährden.“

Was das „nachhaltige“ Label verschweigt

Die zentrale Verteidigung der Industrie beruht auf einer einzigen Zahl: Krill-Supertroller entnehmen „nur“ rund 1 % der geschätzten Gesamtbiomasse des Krills. Diese Zahl ist bewusst irreführend und wird von der Industrie regelmäßig wiederholt.

Dieses 1 % basiert auf Biomasse-Erhebungen, die fast zwei Jahrzehnte auseinanderliegen – in einer Region, die seither massive klimatische Veränderungen erlebt hat. Noch entscheidender ist jedoch, dass diese Zahl verschleiert, wo tatsächlich gefischt wird. Die Krillflotte konzentriert ihre Aktivitäten auf wenige ökologisch besonders sensible Hotspots – genau jene Gebiete, in die Buckelwale tausende Kilometer zurücklegen, um zu fressen, und in denen Adelie- und Zügelpinguine Nahrung für ihre Küken suchen. Sich erholende Walpopulationen werden gezwungen, mit industriellen Krill-Supertrollern um dieselbe Beute zu konkurrieren. Würde ein Holzunternehmen behaupten, es schlage nur 1 % der weltweiten Bäume – während es verschweigt, dass sich dieser Einschlag vollständig auf den Amazonas konzentriert –, würde man zu Recht von Greenwashing sprechen. Die Argumentation der Krillindustrie funktioniert nach demselben Prinzip.

In der vergangenen Saison erreichte die Flotte erstmals vorzeitig ihr Fanglimit, was im August 2025 zu einer historischen, frühzeitigen Schließung führte. In Subarea 48.1 – einem bekannten Hotspot für Wale, Robben und Pinguine, die sich von Krill ernähren – wurden 58 % der Gesamtfangmenge entnommen, mehr als doppelt so viel wie in der Vorsaison. Das ist kein Verhalten einer gut gemanagten Fischerei.

Verschärft wird das Problem durch das, was CCAMLR (die Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis) im Jahr 2024 zugelassen hat. Eine langjährige Schutzmaßnahme, die eine räumliche Verteilung der Fangmengen vorschrieb, lief stillschweigend aus – damit entfiel die einzige wirksame Begrenzung gegen konzentrierte Ausbeutung. Auch bei ihrem Treffen im Oktober 2025 versäumte es CCAMLR erneut, dieses Problem zu lösen, und scheiterte ein weiteres Jahr daran, Meeresschutzgebiete auszuweisen, die vom eigenen Wissenschaftsausschuss empfohlen wurden. Das Vorsorgeprinzip wird beim Schutz weitaus strenger angewendet als bei industrieller Nutzung.

Was Sea Shepherd derzeit auf See dokumentiert

Sea Shepherd dokumentiert seit drei aufeinanderfolgenden Jahren, wie die Krillflotte in und um die Nahrungsgebiete von Walen, Pinguinen und Robben operiert. Unsere Beobachtungen bestätigen, was eine wachsende Zahl antarktischer Wissenschaftlerinnen und Wal-Forschender befürchtet: Begegnungen zwischen Krill-Supertrollern und Walen sind keine Ausnahme – sie sind Routine.

Unser Schiff, die Allankay, befindet sich aktuell im Südlichen Ozean. In dieser Saison haben wir erstmals unabhängige Wissenschaftler an Bord – unter der Leitung von Dr. Matthew Savoca von der Hopkins Marine Station der Stanford University und Dr. Ted Cheeseman von der UC Santa Cruz – die streng begutachtete Forschung durchführen. Das Team führt Linientransekt-Erhebungen zur Bestimmung von Walbeständen und -verteilung durch, setzt Drohnen ein, um Abstände zwischen Walen und Supertrollern zu messen, betreibt passive akustische Überwachung und identifiziert einzelne Tiere fotografisch. Bereits am ersten Tag vor Coronation Island dokumentierte die Crew von Sea Shepherd, wie Supertroller ihre Netze inmitten aktiv fressender Wale einholten – mit deutlich sichtbaren Blasfontänen und Fluken unmittelbar neben den industriellen Fangoperationen.

„Wir glauben, dass diese Zone rund um die Südlichen Orkneyinseln möglicherweise die höchste Wal-Biomasse weltweit aufweist“, sagte Dr. Cheeseman. Genau dort konzentrieren auch die Krill-Supertroller ihre Aktivitäten.

Die Folgen sind konkret und dokumentiert. Im Jahr 2024 verhedderten sich drei junge Buckelwale tödlich in Netzen von Krill-Trawlern. Im März 2025 wurde ein weiterer Buckelwal tot in einem Trawlernetz gefunden – ein Fall, der strafrechtliche Ermittlungen auslöste. Die Pinguinpopulationen auf den Südlichen Orkneyinseln sind dramatisch eingebrochen: Adeliepinguine minus 42 %, Zügelpinguine minus 68 %. Eine begutachtete Studie aus dem Jahr 2023 ergab, dass die Schwangerschaftsrate bei Buckelwalen von 86 % in Jahren mit hoher Krillverfügbarkeit auf nur noch 29 % nach Perioden mit geringem Nahrungsangebot sank. Das sind keine Ergebnisse einer nachhaltigen Fischerei.

Eine klare Botschaft an den Handel

Für Händler, die weiterhin Krillprodukte verkaufen – Omega-3-Präparate, Krillöl-Kapseln, mit Krill angereichertes Tierfutter –, hat der Einspruch des WWF erhebliches Gewicht. Holland & Barrett, einer der größten Gesundheits- und Wellnesshändler Europas, wird bis April 2026 den Verkauf sämtlicher Krillprodukte vollständig einstellen und ist damit der erste große Einzelhändler im Vereinigten Königreich, der diesen Schritt geht.

Darüber hinaus gab Sea Shepherd Global im vergangenen Monat die gemeinsame Initiierung des Antarctic Krill Pledge mit Holland & Barrett bekannt – ein Aufruf an Einzelhändler weltweit, sich zu verpflichten, den Verkauf sämtlicher krillbasierter Produkte zu beenden und sie nicht wieder ins Sortiment aufzunehmen. Die Frage ist nun, welche Händler unterzeichnen – und welche weiterhin Produkte anbieten, von denen selbst ein Gründungsmitglied der zertifizierenden Organisation sagt, sie gehörten nicht ins Regal.

Unterzeichne das Versprechen unter seashe.ph/nokrill

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